Veröffentlicht am Mai 15, 2024

Entgegen der Annahme, dass Kunden Ihnen ihre Wünsche direkt mitteilen, liegen die größten Innovationschancen in dem, was sie nicht sagen.

  • Beobachten Sie kreative „Workarounds“, anstatt nur neue Features abzufragen, um echte Probleme zu identifizieren.
  • Fokussieren Sie sich auf den „Job-to-be-Done“ – die Aufgabe, die der Kunde erledigen will – nicht auf Ihr Produkt.

Empfehlung: Verlassen Sie das Büro. Beobachten Sie den gelebten Kontext Ihrer Kunden, um unentdeckte Frustrationen in Markterfolge zu verwandeln.

Sie haben ein etabliertes Produkt, die Verkaufszahlen sind stabil, aber das Gefühl nagt an Ihnen: Verstehen Sie Ihre Kunden wirklich noch? Sie sitzen in Meetings, analysieren Dashboards und starten vielleicht die nächste Online-Umfrage, in der Hoffnung, das nächste große Ding zu finden. Die Ergebnisse sind oft vorhersehbar und die wirklich bahnbrechenden Ideen bleiben aus. Sie spüren, dass eine Lücke entstanden ist zwischen Ihrem Unternehmen und der Lebenswelt der Menschen, für die Sie Ihre Produkte entwickeln.

Doch was, wenn die entscheidenden Antworten gar nicht in den Daten liegen, die Sie bereits haben? Was, wenn die wahren, unausgesprochenen Bedürfnisse im Alltag Ihrer Kunden verborgen sind, in ihren Frustrationen und den unbewussten Umwegen, die sie täglich gehen? Als Ethnografen und Design-Thinking-Experten wissen wir: Echte Innovation entsteht nicht durch das Abfragen von Meinungen, sondern durch das tiefe, empathische Verstehen von Verhalten. Es geht darum, vom Produkt wegzukommen und den gelebten Kontext des Kunden in den Mittelpunkt zu rücken. Die wertvollsten Erkenntnisse sind selten das Ergebnis einer direkten Frage, sondern das Resultat aufmerksamer Beobachtung.

Dieser Artikel führt Sie weg von den Standardmethoden und zeigt Ihnen, wie Sie mit ethnografischem Scharfsinn die verborgenen „Jobs“ Ihrer Kunden aufdecken, in Interviews Gold schürfen und aus Beschwerden Ihre wertvollsten Erkenntnisse gewinnen. Wir geben Ihnen die Werkzeuge an die Hand, um die stillen Signale zu entschlüsseln, die den Weg zu echter, kundenorientierter Innovation weisen. Sie werden lernen, nicht nur zuzuhören, was Kunden sagen, sondern zu sehen, was sie wirklich tun – und brauchen.

Um diese tiefgreifenden Erkenntnisse systematisch zu gewinnen, haben wir einen Weg in acht Schritten skizziert. Jeder Abschnitt baut auf dem vorherigen auf und führt Sie von der grundlegenden Theorie über die praktische Anwendung bis hin zur strategischen Implementierung in Ihrem Unternehmen. Dieser Leitfaden ist Ihre Karte, um wieder echte Nähe zu Ihren Kunden aufzubauen.

„Was will der Kunde wirklich?“: Die Jobs-to-be-Done-Methode als Schlüssel zu echter Innovation

Die grundlegendste Veränderung in der Perspektive beginnt mit einer einfachen Frage: Welchen „Job“ soll Ihr Produkt für den Kunden erledigen? Die Jobs-to-be-Done (JTBD)-Theorie, maßgeblich von Clayton Christensen geprägt, verschiebt den Fokus radikal vom Produkt selbst hin zum Fortschritt, den ein Kunde in seinem Leben anstrebt. Wie Christensen es formulierte:

Kunden beauftragen Produkte mit der Erledigung von Aufgaben (Jobs).

– Clayton Christensen, Jobs To Be Done-Glossar

Das klassische Beispiel, das diese Job-Perspektive verdeutlicht, ist die Analyse des Milchshake-Verkaufs einer Fast-Food-Kette. Umfragen zur Verbesserung des Geschmacks scheiterten. Erst durch Beobachtung stellte Christensens Team fest, dass viele Kunden den Shake morgens allein im Auto kauften. Der „Job“ war nicht, den Hunger zu stillen, sondern eine langweilige Pendelfahrt interessanter zu gestalten und den Magen bis zum Mittagessen zu beschäftigen. Ein dickerer Shake, der länger hält, war die Lösung. Der Absatz stieg erheblich, nicht weil das Produkt „besser“ schmeckte, sondern weil es den eigentlichen Job perfekt erfüllte.

Für Sie als Produktmanager bedeutet das: Hören Sie auf, in Produkt-Features zu denken, und fangen Sie an, die funktionalen, emotionalen und sozialen Dimensionen des Jobs zu erforschen, für den Kunden eine Lösung suchen. Oft sind sich Kunden dieser tieferen Beweggründe selbst nicht bewusst. Deshalb ist die empathische Beobachtung im gelebten Kontext so viel mächtiger als jede Umfrage. Der Job bleibt über die Zeit stabil, nur die Lösungen ändern sich. Wer den Job versteht, kann auch in Zukunft relevante Lösungen anbieten.

Die Kunst der richtigen Frage: Wie Sie in Kundeninterviews Gold statt nur Antworten finden

Wenn Sie den „Job“ Ihrer Kunden verstanden haben, ist der nächste Schritt, die Details zu erforschen. Doch klassische Interviews, die auf Meinungen und Zukunftsprognosen abzielen („Würden Sie Produkt X kaufen?“), führen oft in die Irre. Menschen sind schlechte Vorhersager ihres eigenen Verhaltens. Die ethnografische Herangehensweise konzentriert sich stattdessen auf die Vergangenheit. Wir wollen keine Hypothesen, sondern Geschichten über konkrete, erlebte Ereignisse. Hier liegt das wahre Gold.

Eine der wirkungsvollsten Methoden ist die „Timeline-Technik“. Bitten Sie Ihren Kunden, die gesamte Geschichte eines kürzlichen Kaufs oder einer Problemlösung zu erzählen – vom allerersten Gedanken („Ich brauche da eine Lösung“) bis zur tatsächlichen Nutzung. Diese Technik zwingt den Kunden, sich an konkrete Details, Orte, Zeiten und beteiligte Personen zu erinnern, anstatt abstrakt zu spekulieren. Es ist eine Form der Workaround-Archäologie: Sie graben nach den kleinen, vergessenen Hilfsmitteln, den frustrierenden Momenten und den überraschenden Umwegen, die den wahren Bedarf offenbaren. Eine Studie bestätigt, dass diese auf Ergebnissen basierende Methodik in 86 Prozent aller Fälle zum Erfolg führt.

Der Prozess der Timeline-Erstellung ist eine Form der empathischen Beobachtung im Gespräch. Sie achten nicht nur darauf, was gesagt wird, sondern auch auf die Emotionen, die bei der Erzählung hochkommen. Wo zögert der Kunde? Wo leuchten seine Augen auf? Diese emotionalen Hoch- und Tiefpunkte sind die entscheidenden Innovations-Signale.

Nahaufnahme von Händen beim Erstellen einer Timeline auf Papier während eines Kundeninterviews

Indem Sie den Kunden durch seine Erinnerung führen, decken Sie die Kräfte auf, die ihn zu einer Entscheidung gedrängt haben: die Probleme mit der alten Lösung (Push), die Anziehungskraft der neuen (Pull), aber auch die Ängste und Gewohnheiten, die ihn fast davon abgehalten hätten. Der Schlüssel ist, neugierig zu bleiben und offene „Wie“- und „Was“-Fragen zu stellen, anstatt mit „Warum“ in eine Rechtfertigungsfalle zu tappen.

„Die Kunden wollen es billiger“: Die 5 gefährlichsten Trugschlüsse bei der Analyse von Kundenfeedback

Sobald Sie beginnen, Feedback zu sammeln, tappen viele Unternehmen in klassische Fallen. Sie hören, was sie hören wollen, oder interpretieren Aussagen auf eine Weise, die bestehende Annahmen bestätigt. Diese Trugschlüsse sind gefährlich, weil sie Innovation blockieren und zu falschen strategischen Entscheidungen führen. Der häufigste Trugschluss ist die Annahme, der Preis sei der wichtigste Faktor.

Wenn ein Kunde sagt „Das ist zu teuer“, meint er selten nur den reinen Preis. Meistens ist es ein Code für „Ich sehe den Wert nicht“ oder „Das Preis-Leistungs-Verhältnis überzeugt mich nicht für den Job, den ich erledigen will“. Wahre Bedürfnisse sind, wie Marketingexperten betonen, emotional, unbewusst und tiefgreifend. Wer nur Erwartungen an den Preis erfüllt, konkurriert auf der untersten Ebene. Wer die dahinterliegenden Bedürfnisse nach Sicherheit, Anerkennung oder Einfachheit erkennt, baut Beziehungen auf, die einen höheren Preis rechtfertigen.

Um diese und andere Trugschlüsse zu vermeiden, ist eine systematische Herangehensweise unerlässlich. Der folgende Vergleich zeigt häufige Fehlannahmen und wie Sie diese durch gezielte Methoden entkräften können. Wie eine Analyse von Honestly.de aufzeigt, führt erst das Testen dieser Annahmen zu validen Erkenntnissen.

Trugschlüsse vs. Realität bei der Kundenfeedback-Analyse
Trugschluss Realität Testmethode
Kunden wollen es billiger Kunden wollen besseres Preis-Leistungs-Verhältnis Van-Westendorp-Preissensitivitätstest
Mehr Features = besseres Produkt Usability oft wichtiger als Funktionsumfang A/B-Testing mit Feature-Reduktion
Laute Kritik = Mehrheitsmeinung Stille Mehrheit oft zufrieden Repräsentative Umfragen
Kundenwünsche = Kaufverhalten Geäußerte Wünsche ≠ tatsächliche Kaufentscheidung Fake-Door-Tests
Zufriedenheit = Loyalität Zufriedene Kunden wechseln trotzdem Net Promoter Score + Churn-Analyse

Jeder dieser Punkte ist ein potenzieller blinder Fleck in Ihrer Strategie. Anstatt die laute Kritik einer kleinen Gruppe als Mandat für eine komplette Neuentwicklung zu sehen, sollten Sie die stille, zufriedene Mehrheit verstehen. Anstatt blind neue Features hinzuzufügen, testen Sie, ob eine radikale Vereinfachung die Usability und damit die Zufriedenheit nicht viel stärker erhöht. Der bewusste Umgang mit diesen Trugschlüssen ist der erste Schritt zur datengestützten Empathie.

Die Reise des Kunden: Wie Sie mit einer Customer Journey Map die Schwachstellen in Ihrem Service aufdecken

Um den gelebten Kontext Ihrer Kunden wirklich zu verstehen, müssen Sie deren Interaktionen mit Ihrem Unternehmen ganzheitlich betrachten. Eine Customer Journey Map ist das perfekte Werkzeug dafür. Sie ist keine sterile Prozessdarstellung, sondern eine visuelle Erzählung der Kundenerfahrung über alle Berührungspunkte (Touchpoints) hinweg. Ihr Ziel ist es, die Welt aus den Augen des Kunden zu sehen und vor allem die emotionalen Höhen und Tiefen seiner Reise aufzudecken.

Die moderne Customer Journey ist selten linear. Ein Kunde im deutschen Einzelhandel wird vielleicht durch einen Social-Media-Post von Freunden auf Ihre Marke aufmerksam, besucht dann Ihre Website, meldet sich für den Newsletter an, besucht ein Ladengeschäft, vergleicht aber schlussendlich Preise auf einem Online-Marktplatz, bevor er kauft. Jeder dieser Touchpoints ist eine Chance, die Beziehung zu stärken – oder zu zerstören. Die Map hilft Ihnen, diese fragmentierte Reise zu einem kohärenten Bild zusammenzufügen.

Der entscheidende Mehrwert einer Journey Map liegt in der Hinzufügung der Emotionskurve. Für jeden Touchpoint fragen Sie: „Wie fühlt sich der Kunde hier?“. Ist der Check-out-Prozess auf der Website frustrierend langsam? Ist die Beratung im Geschäft besonders hilfreich und wertschätzend? Ist die Wartezeit auf eine Support-Antwort unerträglich lang? Diese „Moments of Truth“, besonders die negativen, sind Ihre größten Hebel für Verbesserungen. Sie sind die Risse im Erlebnis, durch die Kunden zu Wettbewerbern abwandern.

Weitwinkelaufnahme eines Konferenzraums mit Team bei der Arbeit an einer großen Customer Journey Map

Das Erstellen einer Customer Journey Map ist ein kollaborativer Prozess. Bringen Sie Mitarbeiter aus Vertrieb, Marketing, Support und Produktentwicklung zusammen. Nutzen Sie die Erkenntnisse aus Ihren Interviews und Beobachtungen, um die Map mit echten Kundengeschichten zu füllen. So wird sie zu einem lebendigen Werkzeug, das im gesamten Unternehmen Empathie fördert und als Grundlage für strategische Entscheidungen dient, um Schwachstellen gezielt zu beseitigen.

Ihre unzufriedensten Kunden sind Ihre besten Berater: Wie Sie aus Beschwerden Gold machen

Kein Produktmanager hört gerne Beschwerden. Sie fühlen sich wie persönliches Versagen an. Doch aus der Perspektive eines Ethnografen sind Beschwerden keine Probleme, sondern wertvolle Innovations-Signale. Bill Gates sagte einmal, Ihre unzufriedensten Kunden seien Ihre größte Lernquelle. Sie zeigen Ihnen ungeschminkt, wo Ihr Produkt den „Job“ nicht erfüllt. Sie sind Ihre kostenlose und brutal ehrliche Abteilung für Forschung und Entwicklung.

Das Problem ist, dass die meisten Unternehmen Beschwerden nur reaktiv und isoliert behandeln. Ein Support-Ticket wird geschlossen, ein Kunde besänftigt. Das systemische Problem dahinter bleibt unentdeckt. Dieser Ansatz ist einer der Gründe, warum so viele Produkte scheitern. Eine Nielsen-Studie zeigte, dass nach einem Jahr ganze 75 % der Neueinführungen wieder aus den Regalen verschwanden – oft, weil das grundlegende Kundenproblem nicht gelöst wurde.

Um aus Beschwerden Gold zu machen, brauchen Sie ein System zur Analyse. Anstatt jede Beschwerde einzeln zu betrachten, clustern Sie das Feedback. Welche Themen tauchen immer wieder auf? Geht es um ein fehlendes Feature, um mangelnde Usability oder um ein Problem im Lieferprozess? Der Unterschied zwischen einer Einzelbetrachtung und einer systematischen Analyse, wie sie auch Experten von HubSpot empfehlen, ist entscheidend für nachhaltige Verbesserungen.

Systematische Bewertungsanalyse vs. Einzelbetrachtung
Einzelbetrachtung Systematische Analyse Vorteil
Eine Beschwerde lesen 100+ Bewertungen clustern Muster erkennen
Auf Emotion reagieren Daten strukturiert erfassen Objektive Priorisierung
Individuell antworten Prozesse anpassen Systemische Verbesserung
Support-Team löst Feedback an Entwicklung Produktverbesserung
Problem beheben Ursachen eliminieren Prävention

Wenn Sie feststellen, dass 20 % Ihrer Support-Anfragen sich um dieselbe Unklarheit im Onboarding-Prozess drehen, haben Sie einen klaren Auftrag. Sie beheben nicht 20 einzelne Probleme, sondern eliminieren die Ursache und verbessern das Produkt für alle zukünftigen Kunden. Unzufriedene Kunden, die sich die Mühe machen, Ihnen Feedback zu geben, sind engagiert. Sie geben Ihnen die Chance, es besser zu machen. Nutzen Sie sie.

Ist Ihre Idee wirklich gut? Ein Stresstest für Ihr Geschäftsmodell in 4 Schritten

Sie haben nun ein tiefes Verständnis für die unausgesprochenen Bedürfnisse Ihrer Kunden gewonnen und vielleicht eine bahnbrechende Idee entwickelt. Doch bevor Sie erhebliche Ressourcen investieren, muss diese Idee einem Realitätscheck unterzogen werden – einem Stresstest, der über die reine Funktionalität hinausgeht. Gerade im stark regulierten deutschen Markt lauern Fallstricke, die eine ansonsten brillante Idee zu Fall bringen können.

Ein solcher Stresstest für Geschäftsmodelle muss die spezifischen Rahmenbedingungen des Zielmarktes berücksichtigen. Es reicht nicht, dass die Kunden Ihre Idee lieben; sie muss auch rechtlich, wirtschaftlich und vertrieblich umsetzbar sein. Ignorieren Sie Aspekte wie die DSGVO, das Verpackungsgesetz oder branchenspezifische DIN-Normen, kann das teure Abmahnungen oder gar ein Verkaufsverbot zur Folge haben. Ihr Geschäftsmodell muss von Anfang an robust und konform sein.

Dieser Stresstest ist keine akademische Übung, sondern ein praktisches Werkzeug zur Risikominimierung. Er zwingt Sie, unangenehme Fragen zu stellen, bevor der Markt es tut. Passt Ihr Preis zur wahrgenommenen Wertigkeit der deutschen Käufer? Funktioniert Ihr geplanter Vertriebskanal für den anspruchsvollen deutschen Mittelstand? Und am wichtigsten: Löst Ihre Idee wirklich den „Job-to-be-Done“ besser als alle bestehenden Alternativen? Die folgende Checkliste hilft Ihnen dabei, Ihr Geschäftsmodell systematisch auf die Probe zu stellen.

Ihr Plan für den Realitäts-Check: Ein 4-Stufen-Stresstest für Ihr Geschäftsmodell

  1. Regulierungs-Check: Prüfen Sie die Konformität mit zentralen deutschen Vorschriften wie der DSGVO, dem Verpackungsgesetz, branchenspezifischen DIN-Normen und CE-Kennzeichnungen.
  2. Vertriebskanal-Validierung: Testen Sie die Effektivität verschiedener Kanäle. Ist der Direktvertrieb für Ihre Zielgruppe im Mittelstand geeignet oder ist ein etabliertes Partnernetzwerk der bessere Weg?
  3. Van-Westendorp-Preistest: Ermitteln Sie die optimale Preisspanne, die von deutschen Käufern als fair und angemessen empfunden wird, um weder als „zu billig“ noch als „zu teuer“ wahrgenommen zu werden.
  4. Jobs-to-be-Done-Analyse: Gleichen Sie Ihre Produktfeatures schonungslos mit den echten Kundenbedürfnissen ab. Löst jedes Feature einen Teil des „Jobs“ oder ist es nur eine technische Spielerei?

Indem Sie Ihr Modell diesem Druck aussetzen, identifizieren Sie Schwachstellen frühzeitig. Sie iterieren und stärken Ihre Strategie, bevor Sie sie teuer am Markt testen müssen. Ein bestandener Stresstest gibt Ihnen das Vertrauen, dass Ihre Idee nicht nur gut, sondern auch tragfähig ist.

Mehr als nur Scrum: Die 4 agilen Werte, die jedes Unternehmen heute leben sollte

Ein tiefes Kundenverständnis zu entwickeln ist eine Sache. Es in der Organisation zu verankern und kontinuierlich in Produkte umzusetzen, eine andere. Hier kommen agile Werte ins Spiel, die weit über das bloße Anwenden von Methoden wie Scrum hinausgehen. Agilität ist eine Haltung, eine Kultur, die perfekt zur ethnografischen Denkweise passt. Sie schafft die organisatorischen Voraussetzungen, um auf die entdeckten Kundenbedürfnisse schnell und flexibel reagieren zu können.

Das Agile Manifest formuliert vier zentrale Werte, die heute für jedes Unternehmen relevant sind. Der erste und wichtigste Wert lautet: „Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge“. Das bedeutet, dass die direkte, empathische Zusammenarbeit – sei es im Team oder mit dem Kunden – immer Vorrang hat vor starren Prozessvorgaben. Es ist die Erlaubnis, den Prozess zu hinterfragen, wenn er einem besseren Ergebnis im Weg steht. Es ist die Kultur, die es einem Produktmanager erlaubt, aus dem Büro zu gehen und Kunden zu beobachten, anstatt nur ein Ticket in Jira auszufüllen.

Die weiteren Werte – funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation, Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlungen und Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans – unterstützen diese Haltung. Sie alle zielen darauf ab, den Fokus auf das zu legen, was wirklich Wert schafft. Theodore Levitt fasste diese Idee schon vor Jahrzehnten brillant zusammen:

People don’t want to buy a quarter inch drill, they want a quarter inch hole.

– Theodore Levitt, Jobs To Be Done-Glossar

Diese Fokussierung auf das Ergebnis (das Loch, der „Job“) statt auf den Output (der Bohrer, das Produkt) ist der Kern von Agilität und JTBD. In deutschen Unternehmensstrukturen lässt sich dies hervorragend integrieren. Die Erkenntnisse aus der JTBD-Analyse und dem Design Thinking fließen direkt in die User Stories und das Product Backlog eines Scrum-Prozesses ein. Entscheidend ist, dass der Nutzer auch während der Entwicklungsphasen involviert bleibt, um sicherzustellen, dass die gebaute Lösung den Job auch wirklich erledigt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fokus auf den „Job“: Konzentrieren Sie sich auf die Aufgabe, die der Kunde erledigen will, nicht auf die Features Ihres Produkts.
  • Verhalten beobachten: Die wertvollsten Erkenntnisse liegen in den unbewussten Verhaltensweisen und „Workarounds“ Ihrer Kunden, nicht in ihren ausgesprochenen Wünschen.
  • Beschwerden als Chance: Analysieren Sie negatives Feedback systematisch. Es ist Ihre günstigste Quelle für Produktverbesserungen und echte Innovation.

Schachmatt für den Wettbewerb: Wie Sie ein System zur kontinuierlichen Konkurrenzanalyse aufbauen und immer einen Zug voraus sind

Tiefes Kundenverständnis ist die beste Grundlage für eine unangreifbare Marktposition. Doch in einem dynamischen Umfeld reicht es nicht, dies einmalig zu tun. Sie benötigen ein System, das Ihnen kontinuierlich Einblicke in die Bewegungen Ihrer Wettbewerber und die sich verändernden Bedürfnisse des Marktes liefert. Eine kontinuierliche Konkurrenzanalyse ist wie Schachspielen: Sie antizipieren die Züge des Gegners, um immer einen Schritt vorauszubleiben, anstatt nur zu reagieren.

Dabei geht es nicht darum, die Features der Konkurrenz blind zu kopieren. Das führt nur zu einem endlosen Wettrüsten, bei dem der Kunde auf der Strecke bleibt. Vielmehr nutzen Sie die Analyse, um die strategischen Lücken und blinden Flecken Ihrer Wettbewerber zu identifizieren. Wo vernachlässigen sie einen wichtigen „Job“? Welche Kundengruppe wird von ihnen schlecht bedient? Wo erzeugen ihre Produkte Frustration, die Sie mit einer cleveren Lösung auflösen können? Ihr tiefes Kundenwissen wird zu Ihrer Linse, durch die Sie die Schwächen der anderen erkennen.

In der aktuellen Wirtschaftslage ist dieser strategische Weitblick wichtiger denn je. Eine Studie der ManpowerGroup Deutschland zeigt, dass 82 Prozent der deutschen Unternehmen mit der Besetzung offener Stellen kämpfen. In einer Zeit, in der Fachkräfte knapp sind, können Sie es sich nicht leisten, Entwicklungsressourcen auf die falschen Initiativen zu setzen. Jede Investition muss sitzen. Eine kunden- und konkurrenzbasierte Strategie stellt sicher, dass Sie Ihre knappen Ressourcen auf die Projekte mit dem größten Hebel konzentrieren.

Bauen Sie ein leichtgewichtiges System auf: Definieren Sie 3-5 Hauptkonkurrenten. Abonnieren Sie deren Newsletter, folgen Sie ihnen auf Social Media und richten Sie Google Alerts für deren Markennamen ein. Analysieren Sie regelmäßig deren Kundenbewertungen – dort finden Sie ungeschminktes Feedback über deren Stärken und Schwächen. Diese kontinuierliche Beobachtung schärft Ihren Blick für Marktchancen und stellt sicher, dass Ihre Innovationen nicht nur kundenrelevant, sondern auch differenzierend sind.

Beginnen Sie noch heute damit, eine dieser Methoden in Ihrem Team zu testen. Der erste Schritt aus dem Büro, um einen einzigen Kunden in seinem gelebten Kontext zu beobachten, ist der erste Schritt zur nächsten bahnbrechenden Innovation für Ihr Unternehmen.

Geschrieben von Jonas Becker, Jonas Becker ist ein Serial Entrepreneur und Mentor aus der Berliner Startup-Szene, der in den letzten 12 Jahren zwei Tech-Unternehmen erfolgreich aufgebaut und verkauft hat. Er ist spezialisiert auf Lean-Startup-Methoden, Geschäftsmodell-Validierung und agiles Management.