Veröffentlicht am März 11, 2024

Der Glaube, dass wahres Wachstum einen radikalen Neuanfang erfordert, ist der grösste Bremsklotz für Ihre Entwicklung.

  • Wachstum findet in der „Lernzone“ statt, einem schmalen Grat zwischen Komfort und Panik, der durch kleine, kalkulierte Schritte erreicht wird.
  • Anstatt auf einen Willenskraft-Schub zu warten, sammeln Sie systematisch „Mut-Datenpunkte“ durch Mini-Experimente, die Ihr Gehirn trainieren.

Empfehlung: Betrachten Sie Ihre Ängste nicht als Feinde, sondern als wertvolle Datenquellen für Ihr nächstes kleines, bewusstes Wachstumsexperiment.

Sie spüren es: dieses nagende Gefühl, dass mehr in Ihnen steckt. Sie sehen auf Social Media, wie andere ihr Leben umkrempeln – den Job kündigen, nach Bali auswandern, ein Unternehmen gründen. Der Druck, einen ebenso dramatischen Sprung zu wagen, wächst. Doch statt motiviert zu sein, fühlen Sie sich gelähmt. Der Gedanke an einen radikalen Wandel fühlt sich an wie der Sprung von einer Klippe, und die Angst vor dem Fall lähmt jeden Ihrer Muskeln. Die gängigen Ratschläge wie „Verlasse einfach deine Komfortzone!“ klingen hohl und ignorieren die echte, greifbare Furcht, die Sie zurückhält.

Doch was, wenn dieser „Alles-oder-Nichts“-Ansatz fundamental falsch ist? Was, wenn der Schlüssel zu nachhaltigem persönlichem Wachstum nicht in einem einzigen, gewaltigen Sprung liegt, sondern in einer Serie von kleinen, wissenschaftlich fundierten Schritten? Stellen Sie sich vor, Sie könnten Mut trainieren wie einen Muskel – nicht durch einmaliges, schmerzhaftes Reissen, sondern durch regelmässige, moderate Anspannung. Es geht darum, systematisch „Mut-Datenpunkte“ zu sammeln, anstatt auf einen unvorhersehbaren Ausbruch von Willenskraft zu hoffen. Dieser Ansatz verwandelt die Angst von einem unüberwindbaren Monster in einen messbaren Indikator.

Dieser Artikel ist Ihr pragmatischer Leitfaden, um diese Strategie der kleinen, kalkulierten Risiken zu meistern. Wir werden die psychologischen Mechanismen aufdecken, die Sie bisher blockiert haben, und Ihnen ein konkretes System an die Hand geben. Sie lernen, wie Sie die perfekte Herausforderung für sich definieren, wie Sie die Angst vor dem Scheitern entkräften und wie Sie neu erlerntes Wissen endlich konsequent im Alltag anwenden. Es ist an der Zeit, den Mythos des radikalen Lebenswandels zu entlarven und den Weg des strategischen, schrittweisen Wachstums zu beschreiten.

Um diesen Weg strukturiert zu gehen, beleuchten wir die entscheidenden Bausteine Ihrer neuen Wachstumsstrategie. Der folgende Überblick zeigt Ihnen die Etappen, die Sie von der Theorie zur praktischen Umsetzung führen werden.

Panikzone vs. Lernzone: Woher wissen Sie, ob Sie sich fordern oder überfordern?

Der grösste Fehler auf dem Weg zu persönlichem Wachstum ist die Annahme, man müsse sich direkt ins eiskalte Wasser der Panikzone stürzen. Sie kennen das: Die Komfortzone ist der gemütliche, aber stagnierende Ort, an dem alles bekannt ist. Die Panikzone ist das absolute Gegenteil – pure Überforderung, die zu Blockade und Rückzug führt. Der wahre Fortschritt findet jedoch genau dazwischen statt: in der Lernzone. Dies ist der Bereich, in dem eine Aufgabe herausfordernd, aber mit Anstrengung machbar ist. Hier findet die Magie statt, weil Ihr Gehirn neue Fähigkeiten entwickelt, ohne in den Überlebensmodus zu schalten.

Die Kunst besteht darin, diese Zone für sich zu kalibrieren. Es geht nicht darum, was andere als mutig empfinden, sondern darum, was für Sie persönlich einen kleinen Schritt aus dem Gewohnten darstellt. Das Konzept der „kalibrierten Experimente“ ist hier entscheidend. Anstatt das Ziel „eine Rede vor 500 Leuten halten“ anzuvisieren (Panikzone), könnte ein kalibriertes Experiment sein, in einem Team-Meeting mit fünf Kollegen einen einzigen, vorbereiteten Satz zu sagen. Dies bestätigt auch die Psychologie: Laut aktuellen psychologischen Erkenntnissen erleben Menschen, die sich bewusst solchen leicht unbehaglichen Situationen aussetzen, die grössten und nachhaltigsten Erfolge.

Dieses Prinzip ist so wirksam, dass es sogar in der professionellen Begleitung junger Menschen Anwendung findet. Ein gutes Beispiel ist die Praxis in der deutschen Berufseinstiegsbegleitung.

Fallstudie: Das 3-Zonen-Modell in der deutschen Berufseinstiegsbegleitung

In Deutschland wird das 3-Zonen-Modell erfolgreich eingesetzt, um Jugendliche beim Übergang ins Berufsleben zu unterstützen. Wie eine Analyse aus der Coaching-Praxis zeigt, wird das Modell oft visuell mit am Boden ausgelegten Seilen dargestellt, die die drei Zonen symbolisieren. Coaches helfen den Jugendlichen, ihre aktuelle Position zu bestimmen und dann kleine, konkrete Schritte in die Lernzone zu planen – beispielsweise ein Informationsgespräch zu führen, anstatt sich direkt auf eine als unerreichbar empfundene Stelle zu bewerben. Dieser Ansatz vermeidet Überforderung und baut schrittweise das Selbstvertrauen auf, das für den erfolgreichen Berufseinstieg notwendig ist.

Ihre Aufgabe ist es also, Ihr eigener Coach zu werden: Identifizieren Sie Ihre Komfort- und Panikgrenzen und entwerfen Sie dann das kleinstmögliche Experiment, das Sie sicher in die Lernzone bringt.

Der Spotlight-Effekt: Warum interessiert es niemanden so sehr wie Sie, wenn Sie einen Fehler machen?

Einer der grössten mentalen Bremsklötze beim Betreten der Lernzone ist die Angst vor sozialer Bewertung. Wir stellen uns vor, wie alle Augen auf uns gerichtet sind, bereit, jeden Fehltritt, jeden Versprecher genüsslich zu registrieren. Diese Angst hat einen Namen: der Spotlight-Effekt. Es ist die kognitive Verzerrung, die uns glauben lässt, unsere Handlungen und unser Erscheinungsbild stünden viel stärker im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer, als es tatsächlich der Fall ist. Wir fühlen uns, als stünde ein riesiger Scheinwerfer nur auf uns gerichtet, der jede kleinste Unvollkommenheit beleuchtet.

Der Psychologe, der dieses Phänomen intensiv erforscht hat, bringt es auf den Punkt. Wie Thomas Gilovich von der Cornell Universität feststellte:

Menschen überschätzen regelmässig die Wirkung, die ihre Aktionen oder Missgeschicke auf andere haben.

– Thomas Gilovich, Cornell Universität – Forschung zum Spotlight-Effekt

Diese Erkenntnis ist ungemein befreiend. Während Sie sich innerlich zerfleischen, weil Sie bei einer Präsentation kurz den Faden verloren haben, haben die meisten Ihrer Kollegen es entweder gar nicht bemerkt oder schon wieder vergessen, weil sie mit ihren eigenen Sorgen und dem eigenen imaginären Scheinwerfer beschäftigt sind.

Geschäftsmensch im deutschen Büro macht selbstbewusst eine Präsentation, während Kollegen entspannt und unaufmerksam arbeiten

Das Wissen um diesen Effekt ist der erste Schritt, um ihm die Macht zu nehmen. Der zweite ist der aktive Realitätscheck. Anstatt Ihrer Angst-Prognose blind zu glauben, sammeln Sie Daten. Fragen Sie nach einem vermeintlichen „Fehler“ gezielt eine oder zwei vertrauenswürdige Personen, ob ihnen etwas aufgefallen ist. Sie werden schockiert sein, wie oft die Antwort „Was? Nein, wieso?“ lautet. Paradoxerweise können kleine Fehler (der sogenannte Pratfall-Effekt) Sie sogar sympathischer und menschlicher machen, nicht inkompetenter.

Kalt duschen oder Fremde ansprechen: Welche 30-Tage-Challenge stärkt Ihre Willenskraft wirklich?

Im Internet wimmelt es von „30-Tage-Challenges“, die versprechen, Ihr Leben zu verändern. Von kalt duschen über tägliches Meditieren bis hin zum Verzicht auf Zucker – die Ideen sind endlos. Doch viele dieser Herausforderungen scheitern, weil sie ein entscheidendes Prinzip ignorieren: Relevanz. Eine Challenge ist kein magisches Ritual, sondern ein Trainingsprogramm. Und wie bei jedem Training muss die Übung auf das zu erreichende Ziel abgestimmt sein. Kalt duschen mag Ihre Disziplin im Allgemeinen stärken, aber es wird Ihnen kaum direkt dabei helfen, die Angst vor Gehaltsverhandlungen zu überwinden.

Der wahre Wert einer Challenge liegt darin, gezielt „Mut-Datenpunkte“ für eine spezifische Angst zu sammeln. Fragen Sie sich nicht: „Welche Challenge ist populär?“, sondern: „Welche kleine, tägliche Handlung liefert mir den Beweis, dass meine spezifische Angst übertrieben ist?“. Wenn Ihr Ziel ist, im Job sichtbarer zu werden, ist eine 30-Tage-Challenge, bei der Sie jeden Tag eine Frage in einem Meeting stellen oder eine kleine Verbesserungsidee per E-Mail vorschlagen, unendlich viel wertvoller als 30 Tage ohne Kaffee.

Effektive Challenges folgen drei Regeln:

  • Sie sind spezifisch: Das Ziel ist klar definiert und auf eine konkrete Angst zugeschnitten.
  • Sie sind progressiv: Die Herausforderung kann im Laufe der Zeit leicht gesteigert werden (z.B. von einer Frage pro Woche zu einer pro Tag).
  • Sie produzieren nützliche Daten: Jede Durchführung der Handlung widerlegt Ihre „Angst-Prognose“ und liefert Ihrem Gehirn den Beweis: „Ich habe es getan, und die erwartete Katastrophe ist nicht eingetreten.“

Vergessen Sie also generische Willenskraft-Übungen. Entwerfen Sie stattdessen Ihre eigene, massgeschneiderte 30-Tage-Challenge, die als präzises chirurgisches Instrument dient, um genau die Angst zu sezieren, die Sie zurückhält. Das ist der Unterschied zwischen blindem Aktivismus und strategischem Wachstum.

Bremsen Ihre Freunde Sie aus? Wann Sie Ihr Umfeld wechseln müssen, um zu wachsen

Sie können die besten Strategien und die mutigsten Pläne haben – wenn Ihr direktes Umfeld Sie aktiv oder passiv in der Komfortzone festhält, ist Ihr Kampf wie Schwimmen gegen den Strom. Menschen sind soziale Wesen, und die Normen, Erwartungen und Reaktionen unserer engsten Bezugspersonen haben einen immensen Einfluss auf unser Verhalten. Ein Umfeld, das Wachstum fördert, feiert Ihre kleinen Experimente. Ein bremsendes Umfeld reagiert darauf mit Skepsis, Spott oder dem berühmten Satz: „Das haben wir aber schon immer anders gemacht.“

Es ist entscheidend, ehrlich zu bewerten, in welche Kategorie Ihr aktuelles Umfeld fällt. Oft geschieht das Bremsen nicht aus böser Absicht, sondern aus einer eigenen Angst vor Veränderung. Wenn Sie wachsen, halten Sie dem anderen einen Spiegel vor, der dessen eigene Stagnation reflektiert. Das kann unangenehm sein und zu Abwehrreaktionen führen. Psychologische Studien zum Lernzonen-Modell zeigen, dass Menschen in einem unterstützenden Umfeld nicht nur häufiger ihre Komfortzone verlassen, sondern dabei auch signifikant mehr Erfolge erleben.

Der folgende Vergleich kann Ihnen als erster Realitätscheck dienen, um Ihr Umfeld zu analysieren. Seien Sie dabei ehrlich zu sich selbst.

Unterstützendes Umfeld Bremsendes Umfeld
Ermutigt zu neuen Herausforderungen Reagiert mit ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘
Feiert deine Erfolge mit Belächelt neue Ideen konsequent
Gibt konstruktives Feedback Kritisiert ohne Lösungsvorschläge
Inspiriert zu persönlichem Wachstum Hält dich in der Komfortzone fest

Ein „Wechsel“ des Umfelds muss nicht bedeuten, alle alten Freunde aufzugeben. Oft ist der erste Schritt, das bestehende Umfeld durch neue, inspirierende Kontakte zu ergänzen. Suchen Sie gezielt nach Mentoren, Mastermind-Gruppen oder Communities von Menschen, die bereits dort sind, wo Sie hinwollen. Deren Normalität wird zu Ihrer neuen Messlatte und gibt Ihnen die Erlaubnis und die Inspiration, Ihre eigenen Grenzen zu verschieben.

Nach dem Sprung: Wie feiern Sie Erfolge, damit Ihr Gehirn Mut als positiv abspeichert?

Sie haben es getan. Sie haben das kleine, kalibrierte Experiment gewagt – die Frage im Meeting gestellt, den Anruf getätigt, den ersten Entwurf verschickt. Die erwartete Katastrophe ist ausgeblieben. Jetzt kommt der entscheidende, aber meistvergessene Schritt: die Verstärkung. Ihr Gehirn lernt durch Wiederholung und Belohnung. Wenn Sie nach einer mutigen Handlung einfach zur Tagesordnung übergehen, verpassen Sie die goldene Gelegenheit, die neue neuronale Verbindung „Mut = positive Erfahrung“ zu zementieren. Ohne diesen Schritt bleibt der Mut ein anstrengender Kraftakt, anstatt zur neuen Gewohnheit zu werden.

Das Feiern eines Erfolgs ist kein kindischer Akt, sondern ein neurochemischer Prozess. Es geht darum, bewusst einen Dopamin-Stoss auszulösen, der mit der vorangegangenen Handlung verknüpft wird. Dies stärkt die Motivation, die Handlung zu wiederholen. Wichtig ist dabei, den Prozess zu feiern, nicht nur das Ergebnis. Selbst wenn das Ergebnis nicht perfekt war – Sie haben die Handlung ausgeführt. Das allein ist der Sieg. Eine „Erfolgs-Narration“ hilft dabei: Erzählen Sie sich selbst die Geschichte Ihres Mutes.

Um diesen Prozess zu systematisieren, können Sie ein kleines, persönliches Ritual etablieren. Es muss nicht aufwändig sein, aber konsistent. Das folgende 5-Schritte-Ritual ist ein praxiserprobtes Beispiel, um Erfolge nachhaltig in Ihrem Gehirn zu verankern.

Ihr Plan, um Mut im Gehirn zu verankern

  1. Erfolgs-Narration im Journal: Schreiben Sie konkret auf: „Ich hatte Angst vor X, habe stattdessen Y getan, und das Ergebnis war Z. Das beweist mir, dass…“
  2. Physisches Ritual: Werfen Sie symbolisch eine „Erfolgs-Münze“ oder einen Stein in ein Glas. Das macht den Fortschritt sichtbar und greifbar.
  3. Sensorischer Anker: Hören Sie ein spezifisches Lied, das Sie mit dem Gefühl von Mut und Erfolg verknüpfen. Dieser „Power-Song“ wird zu Ihrem mentalen Trigger.
  4. Prozess über Ergebnis stellen: Feiern Sie die Tatsache, dass Sie gehandelt haben, selbst wenn das Feedback negativ war. Der Mut zur Handlung ist der eigentliche Gewinn.
  5. Soziale Verstärkung: Teilen Sie Ihren Erfolg (die Handlung, nicht das Ergebnis) mit einer vorher identifizierten „Support-Person“, die Ihren Mut anerkennt.
Nahaufnahme einer Hand, die eine goldene Münze in ein Glasgefäss voller Münzen wirft, warmes Licht symbolisiert Erfolg

Indem Sie diese kleinen Siege bewusst anerkennen, schaffen Sie eine positive Rückkopplungsschleife. Ihr Gehirn lernt, dass das Verlassen der Komfortzone nicht nur sicher, sondern auch lohnend ist. So wird aus einem ängstlichen Zögern schrittweise ein selbstbewusstes Handeln.

The Mom Test: Warum lügt Ihre Mutter über Ihre Idee und wie bekommen Sie ehrliches Feedback?

Ehrliches Feedback ist der Treibstoff für jedes Wachstumsexperiment. Ohne akkurate Daten darüber, wie unsere Handlungen in der realen Welt ankommen, navigieren wir im Blindflug. Das Problem: Die meisten Menschen sind darauf programmiert, uns zu schützen, nicht, uns die Wahrheit zu sagen. Ihre Mutter, Ihr Partner, Ihre besten Freunde – sie alle wollen, dass Sie sich gut fühlen. Wenn Sie sie fragen: „Findest du meine Idee gut?“, werden sie fast immer lügen, um Ihre Gefühle zu schonen. Dieses Phänomen ist als „The Mom Test“ bekannt: Wenn selbst Ihre Mutter Ihre Idee gut finden würde, ist die Frage falsch gestellt.

Um diesem Schonschleier zu entkommen, müssen Sie aufhören, nach Meinungen und Komplimenten zu fragen. Fragen Sie stattdessen nach Fakten und vergangenen Verhaltensweisen. Anstatt „Glaubst du, ich sollte öfter meine Meinung sagen?“, fragen Sie: „Wann hast du mich in der letzten Woche zögern sehen, meine Meinung zu äussern, als es wichtig gewesen wäre?“. Diese Frage zwingt Ihr Gegenüber, über konkrete Ereignisse nachzudenken, statt eine vage, beschwichtigende Antwort zu geben.

Eine weitere mächtige Technik ist es, die Rolle des Kritikers explizit zu erbitten und zu begrenzen. Damit nehmen Sie dem anderen die soziale Last ab, „unhöflich“ zu sein. Eine Formulierung, die in der direkten, aber herzlichen deutschen Geschäftskultur gut funktioniert, könnte so lauten:

Ich brauche für 5 Minuten keinen Freund, sondern einen kritischen Kollegen. Was sind die 3 grössten Schwachstellen an diesem Plan?

– Beispielformulierung für ehrliches Feedback, Deutsche Anpassung des Mom Test

Indem Sie den Rahmen klar abstecken („5 Minuten“, „kritischer Kollege“, „3 Schwachstellen“), geben Sie Ihrem Gegenüber die Erlaubnis und die Struktur, Ihnen wirklich zu helfen. Sie signalisieren, dass Sie nicht nach Bestätigung suchen, sondern nach wertvollen Daten, um besser zu werden. Dies ist eine entscheidende Fähigkeit, um die Wirksamkeit Ihrer kleinen Experimente objektiv zu bewerten.

Das Wissen-Handeln-Delta: Warum wenden Sie im Job nicht an, was Sie im Seminar gelernt haben?

Sie kennen das Phänomen: Sie besuchen ein inspirierendes Seminar, lesen ein bahnbrechendes Buch oder haben eine geniale Erkenntnis. Sie sind hochmotiviert, alles anders zu machen. Doch am nächsten Tag im Büroalltag verpufft die Energie, und Sie fallen in alte Muster zurück. Diese Kluft zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tun, nennt man das Wissen-Handeln-Delta. Es ist keine Frage von Faulheit oder mangelnder Intelligenz, sondern ein Problem des Systemdesigns. Gutes Wissen wird nicht automatisch in die Praxis transferiert; es benötigt eine Brücke.

Eine der besten Brücken ist das Konzept des „Gesellenstücks“ – eine kleine, konkrete Anwendung des Gelernten, die sofort umgesetzt wird. Ein hervorragendes kulturelles Vorbild dafür ist die deutsche Handwerkstradition.

Fallstudie: Die deutsche Meister-Tradition als Vorbild

Das duale Ausbildungssystem in Deutschland, das in der Meister-Tradition gipfelt, ist ein perfektes Beispiel für die Überwindung des Wissen-Handeln-Deltas. Der Lehrling lernt die Theorie in der Berufsschule, wendet sie aber sofort im Betrieb praktisch an. Das Seminarwissen entspricht der ‚Theorie‘, während das kleine ‚Gesellenstück‘ – eine erste konkrete Anwendung des Gelernten am nächsten Arbeitstag – den Transfer in die Praxis sicherstellt. Es geht nicht darum, sofort ein Meisterwerk zu schaffen, sondern das Gelernte einmal real durchzuspielen.

Um diese Brücke systematisch zu bauen, ist die Technik der Implementierungsintentionen, oft als „Wenn-Dann-Plan“ bezeichnet, extrem wirksam. Sie zwingt Sie, von einem vagen Vorsatz zu einem konkreten Handlungsplan zu kommen. Anstatt zu sagen „Ich werde die neue Moderationstechnik anwenden“, formulieren Sie einen präzisen Plan:

  1. Vagen Vorsatz konkretisieren: Identifizieren Sie eine einzige, kleine Sache aus dem Seminar, die Sie umsetzen wollen.
  2. Wenn-Dann-Formulierung erstellen: Definieren Sie den Auslöser. „Wenn morgen das wöchentliche Team-Meeting beginnt und wir zu Tagesordnungspunkt 1 kommen…“
  3. Konkrete Handlung festlegen: „…dann werde ich die ‚Still-Schreib-Methode‘ für genau fünf Minuten anwenden.“
  4. Als Pilotprojekt kommunizieren: Entschärfen Sie den Druck, indem Sie sagen: „Ich möchte für die nächsten zwei Wochen mal Methode X testen, um zu sehen, ob sie uns hilft.“
  5. Ergebnisse vergleichen: Nach dem Testzeitraum evaluieren Sie gemeinsam mit dem Team. Das schafft Akzeptanz und reduziert Widerstand.

Dieser Ansatz verwandelt einen vagen Wunsch in einen unumgänglichen, fast automatischen Handlungsablauf und ist der effektivste Weg, neues Wissen dauerhaft in Ihr Verhaltensrepertoire zu integrieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nachhaltiges Wachstum findet in der „Lernzone“ statt, nicht in der Panikzone. Kalibrieren Sie Ihre Herausforderungen so, dass sie fordernd, aber machbar sind.
  • Ersetzen Sie den Druck zu grossen Sprüngen durch die Strategie des Sammelns von „Mut-Datenpunkten“ – kleinen, bewussten Experimenten, die Ihre Angst-Prognosen widerlegen.
  • Verankern Sie Erfolge durch bewusste Rituale und holen Sie sich durch präzise Fragetechniken ehrliches Feedback, um die Kluft zwischen Wissen und Handeln zu schliessen.

Wie hilft Ihnen tägliches Journaling, in 30 Tagen Ihre wahren beruflichen Ziele zu erkennen?

Nachdem wir die psychologischen Mechanismen und praktischen Techniken für schrittweises Wachstum beleuchtet haben, brauchen Sie einen Ort, an dem all diese Fäden zusammenlaufen: Ihr persönliches Labor. Tägliches Journaling, wenn es richtig gemacht wird, ist genau das. Es ist nicht das „liebe Tagebuch“ Ihrer Kindheit, sondern das Logbuch eines Forschers, der seine eigene Karriere und sein persönliches Wachstum als das spannendste Experiment von allen betrachtet.

Ein strategisch geführtes Journal erfüllt drei entscheidende Funktionen in diesem Prozess: Es ist Planungs-Tool, Analyse-Instrument und Erfolgs-Archiv in einem. Hier entwerfen Sie Ihre „kalibrierten Experimente“, hier analysieren Sie die gesammelten „Mut-Datenpunkte“ und das erhaltene Feedback, und hier zelebrieren Sie Ihre Fortschritte durch die „Erfolgs-Narration“. Ein Experte für diese Methode fasst es treffend zusammen:

Es geht nicht um ein ‚liebes Tagebuch‘, sondern darum, zum Wissenschaftler der eigenen Karriere zu werden.

– Journaling-Experte, Deutsche Methodik zum beruflichen Journaling

Um sofort loszulegen, können Sie eine einfache, aber extrem wirkungsvolle 3-Spalten-Methode verwenden: das „Angst-und-Ziel-Protokoll“. Nehmen Sie sich jeden Abend fünf Minuten Zeit, um diese Tabelle auszufüllen. Sie zwingt Sie, von vagen Wünschen zu konkreten, sofort umsetzbaren Mini-Aktionen zu kommen.

Berufliches Ziel/Wunsch Kleinste konkrete Angst Heutiges/Morgiges Mini-Experiment
Gehaltserhöhung ansprechen Angst, den Abteilungsleiter anzusprechen Einen Termin für nächste Woche vereinbaren
Neue Projektleitung übernehmen Angst vor Kritik im Team Eine Verbesserungsidee in der Teamsitzung vorschlagen
Abteilungswechsel initiieren Angst vor Ablehnung Informelles Gespräch mit Kollege aus Zielabteilung

Nach nur 30 Tagen werden Sie durch dieses Protokoll nicht nur eine Liste von 30 durchgeführten Mini-Experimenten haben, sondern auch ein viel klareres Bild davon, welche Ziele Ihnen wirklich wichtig sind und welche Ängste nur Papiertiger waren. Sie ersetzen das Gefühl der Lähmung durch das befriedigende Gefühl von Handlungsmacht und Fortschritt. Sie haben den radikalen Lebenswandel nicht gebraucht – Sie haben ihn durch eine intelligente, tägliche Praxis überflüssig gemacht.

Beginnen Sie noch heute Abend damit, Ihr erstes „Angst-und-Ziel-Protokoll“ zu erstellen. Wählen Sie ein kleines Ziel, identifizieren Sie die winzigste damit verbundene Angst und definieren Sie Ihr Experiment für morgen. Das ist Ihr erster, entscheidender Schritt vom gelähmten Träumer zum aktiven Gestalter Ihres Lebens.

Geschrieben von Dr. Johanna Behrendt, Diplom-Psychologin und Executive Coach für New Work und Führungskräfteentwicklung. Über 15 Jahre Erfahrung in der Begleitung von Veränderungsprozessen in DAX-Konzernen und dem Mittelstand.